Weshalb sich Marx stets mit Schaudern an Soho erinnerte – Neue Zürcher Zeitung

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In den Gassen Sohos würden Besucher die kleine Gedenktafel leicht übersehen, wären sie nicht in Begleitung von Heiko Khoo. Der zierliche Engländer bleibt vor einem hellblauen Gebäude stehen und zeigt zwischen zwei Fenster im zweiten Stock. «Karl Marx 1818–1883 / lived here 1851–1856», steht auf der runden blauen Tafel. «Ein Fehler», bemerkt Khoo trocken; Marx sei mit seiner Familie nicht im Januar 1851 hier eingezogen, wie viele glaubten, sondern im Monat davor. Er kennt die Schriften von Marx und Friedrich Engels gut und hat die reiche Korrespondenz der zwei Freunde und Gesinnungsgenossen studiert. Auf sein Wissen ist Verlass. Darüber hinaus hat Khoo, der im Alter von 54 Jahren soeben eine Dissertation über den chinesischen Staatskapitalismus eingereicht hat, ein feines Gespür für Anekdoten, die er auf einem mehrstündigen Rundgang durch Soho bereitwillig zum Besten gibt.



Vor dem Haus mit der Gedenktafel an der Dean Street Nr. 29 erzählt Khoo, Marx habe Soho nicht gemocht. Wenn er in späteren Jahren aus Nordlondon, wohin die Familie weitergezogen war, in das Quartier zurückkehrte, habe ihn laut eigener Aussage ein mulmiges Gefühl befallen. Die ewigen Streitereien bei den Versammlungen kommunistischer Vereine machten ihm zu schaffen. Einmal hatte ihn August Willich, ein exilierter preussischer Offizier und Frühsozialist, gar zum Duell herausgefordert. Zum Glück für Marx nahm ein anderer Genosse den Kampf an seiner statt an und wurde beim Zweikampf, der in Belgien ausgetragen wurde, prompt durch eine Kugel leicht am Kopf verletzt. Marx wollte, wie es am Grabmal auf dem Londoner Highgate-Friedhof sinngemäss heisst, die Welt nicht nur anders interpretieren, sondern auch verändern. Aber Duelle schienen ihm dazu kein geeignetes Mittel zu sein. Bei den Meinungsverschiedenheiten ging es meist um die Theorie der Gewalt. Radikale Frühsozialisten und Anarchisten glaubten, aus spontanen Aktionen entstehe eine revolutionäre Dynamik, Marx dagegen machte den Erfolg eines Umsturzes von der Entwicklung des Kapitalismus und der Organisation der Arbeiter abhängig.

Marx erinnerte sich auch darum mit Schaudern an Soho, weil die Zeit dort mit persönlichen Tragödien verbunden war. In der Dean Street starben innert sechs Jahren drei seiner Kinder, ein Bub und ein Mädchen im Babyalter, Edgar 1855 als Achtjähriger. Nach dessen Tod schrieb Engels einem Freund, er habe befürchtet, Marx werfe sich hinter dem Sarg ins offene Grab, so bedrückt sei er gewesen. Man muss die Augen schliessen, um sich das damalige Soho vorzustellen. Vor Lärm und Gestank gab es kein Entrinnen. Das moderne Kanalisationssystem hatte das Viertel der Einwanderer und Aussenseiter noch nicht erreicht. Kloaken, Müll und Pferdemist machten die Fortbewegung zum Spiessrutenlaufen. Henry Mayhews zeitgenössische Reportagen über die «Armen von London» geben ein Bild von den Verhältnissen. Strassenhändler boten Lebensmittel, Kessel, Besen, Altkleider oder Traktate feil. Die Bewohner lebten über Krämerläden, Schlachtereien, den Werkstätten von Fettsiedern und Schneidern. Die Bevölkerungsdichte lag rund sechs Mal höher als hundert Jahre später. 1854 brach in Soho die Cholera aus und forderte Hunderte von Todesopfern. Die Marxsche Wohnung an der Dean Street hatte immerhin fliessendes Wasser, was die Ansteckungsgefahr herabsetzte. Die Kinder von Karl und Jenny Marx starben an den Folgen von Armut und allgemeiner Schwäche.

Andere Häuser in der Nähe, zu denen Marx eine Verbindung hatte, sind nicht markiert. Die Stadt erlaubt nur eine Gedenktafel pro Persönlichkeit; «ausser, man heisst Churchill», sagt Khoo. An der Ecke Archer und Great Windmill traf sich 1847 über einem Wirtshaus der Arbeiterbildungsverein des deutschen Emigranten Wilhelm Weitling, der Marx und Engels damit beauftragte, das «Kommunistische Manifest» zu verfassen. Heute gibt es im Parterre eine Cocktailbar. Etwas weiter an der Rupert Street lag das Vereinslokal der exilierten Pariser Kommunarden nach dem Scheitern des Aufstands 1871. Marx hatte nicht an den Erfolg der Revolte geglaubt, aber zwei seiner drei Töchter gingen in Paris auf die Barrikaden und heirateten französische Sozialisten. Im Haus Nr. 18 an der Greek Street traf sich ab 1864 jeweils am Dienstag der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation, bekannt als Erste Internationale. An den Sitzungen wurde heftig gestritten, was man weiss, weil der Sekretär ein Hamsterer war und keinen Fetzen Papier wegwerfen konnte. «Nur Marx hielt die Assoziation zusammen», sagt Khoo. Der Generalrat zog später an die Geschäftsstrasse Strand und 1872, zur Erleichterung des Mentors, nach New York; vier Jahre später stellte er die Aktivitäten ein.

Khoo veranstaltet seine Marx-Spaziergänge zusammen mit einem Compagnon seit sechs Jahren. Er hat eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung gegründet, Karl Marx Research Ltd., die sich, wenn man so will, einer wachsenden Nachfrage erfreut. Laut eigenen Angaben führt Khoo derzeit pro Jahr rund zweitausend Besucher durch Soho. Häufig sind es Maturaklassen, viele Teilnehmer sind politisch links engagiert. Eine Junggesellenparty von Labour-Abgeordneten habe er schon herumgeführt und Börsenmakler aus Schanghai, sagt Khoo. Chinesische Touristen fragten häufig, wo sich das «Loch» befinde, das Marx in den Boden getreten habe. Irgendwann ging Khoo der Sache nach und kam einem Übersetzungsfehler in einem chinesischen Schulbuch auf die Spur. Marx dachte gehend nach, entweder auf Spaziergängen in Hampstead Heath, einem Stadtpark in Nordlondon, oder, nach 1864, im Wohnzimmer eines geräumigeren Hauses an der Maitland Park Road im Stadtteil Chalk Farm. Ein früher Biograf hatte geschrieben, dass Marx in dem Zimmer den Teppich ausgetreten habe – das «Loch» in der chinesischen Übersetzung.

Khoo trägt weite Hosen, die einmal zu einem Nadelstreifenanzug gehört haben, einen langen, schwarzen Mantel und grellgelbe Turnschuhe. Die Marx-Führungen sind seine wichtigste Einkommensquelle, aber nur ein kleiner Teil der Aktivitäten. Lange hielt ihn die Dissertation auf Trab, ausserdem ist Khoo Aktivist. Er bewohnt ein ehemaliges Bürolokal mitten in Soho und zahlt einen Bruchteil der marktüblichen Miete, dennoch streitet er mit der Vermieterfirma vor Gericht. Es geht um ein Wohnstatut, das Hausbesitzer einsetzen, wenn sie eine Liegenschaft aus planerischen oder spekulativen Gründen ungenutzt, aber nicht leer stehen lassen wollen. Mit der Regelung werde Missbrauch getrieben, um Steuern zu sparen und das Mietrecht zu umgehen, sagt Khoo. Die Wohnung hängt derweil voller historischer Agitprop, fast alles deutschsprachige Plakate. In einem Regal steht die ostdeutsche Marx-Engels-Ausgabe mit über 40 blauen Bänden.

Khoo, dessen Mutter aus der DDR stammte und in den fünfziger Jahren nach England ausgewandert war, verbrachte die Umbruchsjahre 1989 und 1990 in Ostberlin. Er schloss sich dem trotzkistischen Untergrund an, um «die Revolution voranzubringen». Zuerst habe er den Stalinismus abgelehnt, erst danach sei er Marxist geworden, sagt er. Später lehrte er Englisch in Schanghai, erneut war die Suche nach den eigenen Wurzeln mit im Spiel: Khoos Vater war als malaysischer Chinese nach Grossbritannien ausgewandert. Vom Versuch, das System zu unterwandern, liess Khoo diesmal die Finger. In gewissem Sinn scheint er in seiner Jugendzeit stehengeblieben zu sein. Er studiert, ist aktives Mitglied der Labour-Partei und agitiert, wo er kann. An Sonntagen ist er oft am Hyde Park Corner anzutreffen, wo er auf eine Kiste steigt und Reden gegen Spekulanten und Neonazis hält. Tun das nicht nur Spinner? Nein, sagt Khoo, und führt an, dass er sein Smartphone einschalte und die Reden live übertrage.

Von Soho sind es 15 Gehminuten bis zum British Museum und zu den Lesesälen, in denen Marx an seinem Hauptwerk «Das Kapital» geschrieben hat. Die «Galerie der Aufklärung» ist so erhalten geblieben, wie Marx sie antraf, ausser dass elektrisches Licht den langen, hohen Raum erhellt, wo die Gelehrten Mitte des 19. Jahrhunderts an die Fenster drängten, um lesen zu können. Marx habe schlecht gesehen, sagt Khoo. Er liess sich von den Bibliotheksdienern Zeitungen, Parlamentsberichte, Rapporte von Fabrikinspektoren und die Klassiker der Wirtschaftstheorie bringen. Die Grundidee in seinem «Kapital», die Überführung des Kapitalismus in eine sozialistische Planwirtschaft, reihte sich in den wissenschaftlichen Pioniergeist der Zeit ein. Geistesgrössen gingen ein und aus, auch Charles Darwin nutzte den Saal. Im Lesesaal herrschte ein Dresscode, den Marx oft nicht erfüllte. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen und konnte mit Geld nicht umgehen. Hatte er etwas verdient, war es rasch verjubelt. Sein Freund Engels, Mitbesitzer einer Textilfabrik in Manchester, pendelte zwischen Nordengland und der Metropole hin und her und unterstützte Marx finanziell.

Marx mischte sich in Kneipen und am Sonntag im Hyde Park unter das Volk. Er sprach redlich Englisch. Khoo erzählt von Massenaufläufen, die gleichzeitig, aber in anderer Färbung, von Marx und Charles Dickens wiedergegeben werden. Wo der Nationaldichter Verderben und moralische Abgründe sah, entdeckte Marx den aufmüpfigen Geist der Arbeiterklasse. Er ergötzte sich am Spott, mit dem die armen Leute die Aristokraten eindeckten, wenn diese in der Kutsche durch den Park fuhren. Die Behörden behandelten Marx gleichgültig. In den Anfangsjahren des Exils, das 1849 begonnen hatte, schickte Preussen Spione nach England. Sie setzten das Gerücht in Umlauf, Marx plane ein Attentat auf Königin Victoria. Die Polizei ging der Sache nach und legte sie schnell als durchsichtigen Versuch ad acta, Marx’ Auslieferung zu erwirken.

Marx’ liebstes Freizeitvergnügen war, mit den Töchtern in Hampstead Heath zu spazieren und im Sommer unter einem Baum zu picknicken. Er ersann Märchen mit einem fiktiven Zauberer namens Hans Rockler als Hauptfigur. Der Magier hatte die Gabe, Figuren aus dem Spielzeugladen zu entwenden, ihnen Leben einzuhauchen und sie auf allerlei Abenteuer zu schicken, bevor er sie unbemerkt ins Ladenregal zurückstellte. Khoo erkennt darin einen spielerischen Umgang mit der Verwandlung, die Marx in der Ökonomie untersuchte, also dem Mehrwert, den Kapital und Arbeit erfahren, wenn sie sich verbinden. Marx starb 1883 im Alter von 64 Jahren im Haus an der Maitland Park Road. Körperliche Leiden hatten ihn mitgenommen, die Folgen von zu viel Zigarren, Alkohol und exzessiven Kuren aus Opium gegen die Schlaflosigkeit und Arsen gegen alles andere. Karl, später auch Jenny Marx und die Töchter wurden auf dem Highgate-Friedhof beigesetzt. Das bekannte, hohe Grabmal entstand jedoch erst 1956. Unterdessen waren Hunderte von Millionen Menschen unter die Fuchtel von Regimen gekommen, die sich auf Marx beriefen. Die Überreste der Familie wurden ausgegraben und neu beigesetzt, die makabre Einweihung der Ruhestätte als Wallfahrtsort für Kommunisten aus aller Welt.



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